Mitte Dezember 2012, während die Bauarbeiten für Stuttgart21 erste deutlich sichtbare Spuren um das Bahnhofsgelände hinterlassen, ist am Nordbahnhof davon nichts zu spüren. Noch nicht, denn irgendwann wird auch hier eine Domäne für kulturelle Vielfalt verdrängt. Grau liegt über der Stadt, ab und zu Regen, das Gelände vor den alten Wagenhallen aufgeweicht. Sogleich fühlt man sich als Eindringling, als Voyeur einer Subkultur, die sich hier ihre Insel eingerichtet hat.

Alte Werkhallen, abblätternder Putz, Backstein, originelle Graffiti, verlassene Sitzgruppen im verwilderten Hinterhof. Im Halleninneren verlieren sich an diesem Morgen die wenigen Gestalten, die hier wirken: Künstler, Eventplaner, Messebauer. Abgestellte Fahrwerke aller Art verstauben hier und warten auf ihren nächsten Einsatz. Kreatives Chaos, sinngebende Arrangements, die nur der Künstler selber versteht. Verunsichert wirkende Schaufensterpuppen, angelehnt an halbbemalte Leinwände. Ich wandere unruhig weiter, fasziniert von der unerwarteten Vielfalt.
Vor dem Gelände ein weiteres verlassenes Kleinod. Das Atelier Unsichtbar, gegründet 1998 feierte Anfang August 2012 seine „Pre-Abrissparty, ein letztes Mal Musik, Tanz und danach Wehmut, weil die Kündigung wegen S21 ausgesprochen war. Heute: – ein ramponiertes Klavier in einem windschiefen Verschlag, zwei schwartgefärbte Styroporpuppen sitzen plaudernd vor der mit filigranem Graffiti überzogenenen Fassade.

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